Denkmalpflegerische Bestandsbewertung und Entwicklungskonzept
Das Areal am heutigen Billerbecker Weg (Gedenkort Krumpuhler Weg) vereint zwei Zeitschichten von besonderer historischer Bedeutung. Hier befand sich ab 1942 ein Zwangsarbeiterlager für das Altmärkische Kettenwerk (Alkett II / Maget). Nach 1950 entstand auf dem Gelände die Gartenarbeitsschule Reinickendorf. Sie ist ein typisches Zeugnis der pädagogischen und landschaftsgestalterischen Wiederaufbauphase der 1950er und 1960er Jahre.
Unsere Aufgabe bestand darin, beide Denkmalschichten, gebaut wie gewachsen, in ihrer Eigenständigkeit zu erfassen, zu bewerten und ein tragfähiges Zukunftskonzept zu erstellen.
Historische Analyse als Grundlage
Im ersten Schritt wurde eine umfassende bauhistorische und gartendenkmalpflegerische Recherche durchgeführt. Bauphasen, Überformungen und Substanzverluste wurden systematisch ausgewertet und in Bauphasenplänen für die Gebäude und den Garten dokumentiert. Weiterhin wurden alle Gehölze, darunter viele seltene Arten und Wuchsformen, aufgenommen und das Jahr ihrer Pflanzung recherchiert.
Die Untersuchung machte deutlich, dass das Gelände kein statisches Denkmal ist, sondern ein über Jahrzehnte gewachsener Ort mit komplexer Überlagerung von Nutzung, Zerstörung, Wiederaufbau, Vegetationsdynamik und Transformation.
Denkmalpflegerische Bestandsbewertung
Auf Basis der historischen Analyse entwickelten wir eine projektbezogene Bewertungsmatrix mit klar definierten Bindungskategorien.
Jedes Gebäude und jeder Gartenraum wurde hinsichtlich Substanz, Aussagekraft, Ablesbarkeit der Zeitschicht, Überformungsgrad und kontextuelle Einbindung in das Gesamtgefüge bewertet und in eine denkmalpflegerische Bindungskategorie eingeordnet.
Diese Kategorisierung schaffte Planungssicherheit: Sie definierte nicht nur, was zu erhalten ist, sondern auch, wie mit dem Bestand umzugehen ist. So entstand ein verbindlicher Rahmen für den anschließend erarbeiteten Maßnahmenkatalog, ohne die Weiterentwicklung des Ortes zu blockieren.
Entwicklungskern und Nutzungskonzept
Aufbauend auf der Bestandsbewertung haben wir ein schlüssiges Nutzungskonzept entwickelt, das die denkmalpflegerischen Anforderungen des Ortes mit den praktischen Bedürfnissen der heutigen Nutzung verbindet. Im Mittelpunkt steht ein Entwicklungskern als organisatorischer und räumlicher Fokus, der die zukünftige Weiterentwicklung und die Nutzeranforderungen der Gartenarbeitsschule strukturiert.
Im Rahmen des Konzepts wurden insbesondere die Wissensvermittlung am Ort und die perspektivische Umgestaltung des Museums, die langfristige Stärkung der Gartenarbeitsschule als Bildungsstandort, die barrierefreie Erschließung von Infrastruktur und zentralen Funktionen sowie der denkmalverträgliche Umgang mit stark überformten Bestandsbereichen zusammengeführt.
Das ehemals zur Zwangsarbeiterstätte gehörige Grundstück im Werdohler Weg, welches durch eine Neubausiedlung räumlich vom Areal Billerbecker Weg getrennt wurde, ist für die Vermittlung der Gesamtaussage des Ortes mit einbezogen worden.
Das Ergebnis ist ein abgestimmter Handlungsrahmen, der Entwicklung ermöglicht, ohne die historischen Zeitschichten zu überlagern und der in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege als belastbare Grundlage für die nächsten Planungsschritte vorgelegt wurde.
Denkmalpflege als strategisches Werkzeug
Das Projekt zeigt, dass Denkmalpflege mehr ist als Bestandssicherung. Durch die Verknüpfung von historischer Analyse, Bewertungsmatrix und Nutzungskonzept entstand ein belastbarer Handlungsrahmen für Politik, Verwaltung und zukünftige Planungsschritte.
Wir entwickelten damit eine Grundlage, die Erinnerungskultur, Bildungsarbeit sowie bauliche und gärtnerische Weiterentwicklung durch Sensibilität, eine präzise Analyse und klare Zukunftsperspektive in Einklang bringt.